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Bittersüßer Seelenschmerz ist eine Kurzgeschichte von Amanda Locklair, erzählt von Desmond Locklair/Jean Descole.


Als ich am frühen Abend von der Universität nach Hause komme, ist es schon fast dunkel. Ich öffne die Tür und trete in den Flur. Kaum habe ich meinen Mantel ausgezogen, kommt mir schon Sarah entgegengelaufen.

„Papa!“, ruft sie.

Sie hat braune Augen, wie ich, aber ihre Locken haben eine goldblonde Farbe.

„Hey, Sarah“, sage ich, beuge mich zu ihr herunter und hebe sie hoch.

Fünf Jahre ist sie alt, mein kleiner Engel, und sie wird mit jedem Tag größer. Bald werde ich sie also nicht mehr so einfach hochheben können. Ich wirbele Sarah herum. Sie lacht. Dann klettert sie über meine Schulter auf meinen Rücken und legt die Arme um meinen Hals. Huckepack trage ich sie in die Küche. Dort ist niemand.

„Wo hast du denn deine Mutter gelassen?“, frage ich.

„Die ist im Keller!“, ruft Sarah.

Sie löst die Arme von meinem Hals und beginnt zu brummen, als wolle sie ein Flugzeug imitieren. Ich spiele mit und laufe los. Ins Schlafzimmer, von dort aus ins Wohnzimmer, die Treppe hinauf und wieder hinunter, noch einmal ins Schlafzimmer, durch die Küche in den Flur, dann wieder ins Wohnzimmer. Dort setze ich mich auf das Sofa. Sarah klettert von meinem Rücken und setzt sich auf meine Beine.

„Ich hab dich gaaaaaaanz doll lieb, Papa“, sagt sie und strahlt mich an.

„Ich hab dich auch ganz doll lieb, mein Spatz“, sage ich.

Sarah streckt die Arme aus und ehe ich auch nur ahne, was sie vorhat, hat sie mir schon die Brille geklaut und sie auf ihre eigene Nase gesetzt. Natürlich ist sie ihr viel zu groß und rutscht sofort wieder herunter.

„Hey, du Frechdachs!“, sage ich, muss dabei aber lachen. „Erst mein Vertrauen gewinnen und dann zuschlagen, wenn ich es am wenigsten erwarte, oder wie?“

Auch Sarah beginnt nun zu lachen. Dann steht sie auf und nimmt einen Stuhl vom Tisch, stellt sich darauf und schaut mich über die Lehne hinweg an.

„Ich bin jetzt auch ein Professor!“, ruft sie.

„Ach“, sage ich, „dann bin ich wohl der Student, oder wie?“

Sarah antwortet nicht, sondern starrt mich nur an. Dann beginnt sie schon wieder zu lachen. Ich hebe die Hand.

„Frau Professor“, sage ich, „darf ich nachsehen, wo Marie bleibt? Sie ist schon fünf Minuten zu spät.“

Sarah hat sich mittlerweile wieder von ihrem Lachanfall erholt.

„Darfst du“, sagt sie.

Ich stehe auf und gehe in den Keller. Marie steht mit dem Rücken zu mir und kramt in einem Regal. Als sie mich hört, dreht sie sich um und lächelt.

„Hallo, Desmond", sagt sie. "Ich habe gar nicht mitbekommen, dass du wieder da bist. Sag mal, hast du eine Ahnung, ob wir noch Nudeln haben?“

„Jetzt haben wir wieder welche“, sage ich. „Ich habe auf dem Rückweg einige Packungen mitgebracht. Du kommst übrigens zu spät zur Vorlesung.“

Marie schaut mich verwirrt an.

„Zur Vorlesung?“, fragt sie.

„Ja“, sage ich und lache, „zur Vorlesung mit Frau Professor Sarah Locklair.“

Nun lacht auch Marie. „Tja, sie ist eben ganz ihres Vaters Tochter“, sagt sie.

„Nicht ganz“, sage ich. „Ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit hat sie von ihrer Mutter.“

Marie lächelt. Sie tritt näher an mich heran und küsst mich. Ich erwidere den Kuss und wir legen die Arme umeinander. Ich spüre ihre Finger durch mein Haar gleiten, fühle ihre Lippen auf meinen, nehme deutlich ihren sanften Duft wahr. Es ist ein wunderschöner Moment und ich wünsche mir, er würde nie enden.

In der nächsten Sekunde liege ich auch schon wieder im Bett des Hotelzimmers, das ich gestern bezogen habe.

Allein in einem Doppelbett, denke ich und plötzlich fühlt sich nicht nur das Bett, sondern mein ganzes Leben schmerzhaft leer an.

Ohne dass ich etwas dagegen tun könnte, füllen sich meine Augen mit Tränen. Beinahe. Beinahe hätte ich es geschafft, zu vergessen, dass manchmal eben nicht der Traum selbst das Schreckliche ist. Manchmal ist das Schreckliche das Erwachen.

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