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Professor Layton und die Kinder des Mondlichts ist eine Geschichte von Amanda Locklair, die zeitlich zwischen den Ereignissen von Professor Layton und die ewige Diva und Professor Layton und die Maske der Wunder einzuordnen ist und sich in der fiktiven Stadt Heartfall abspielt.


Achtung! Diese Geschichte, die mit höchster Wahrscheinlichkeit sehr lang werden wird, ist noch nicht vollständig. Daher werde ich in (mehr oder weniger) regelmäßigen Abständen je ein Kapitel hochladen, um nir etwas mehr Zeit zu verschaffen, sie zu vollenden.


Prolog Bearbeiten

„Wie lang ist dieser Stau denn noch?“, grummelte Luke. „Als ob wir nicht schon genügend Verspätung hätten.“

Emmy schüttelte den Kopf.

„Erst der Stau“, sagte sie, „dann die Motorpanne und jetzt der nächste Stau. Wir scheinen heute wirklich Pech zu haben.“

„Wir haben schon im ersten Stau vier Stunden für sechs Kilometer gebraucht“, murmelte Luke. „Dann hatten wir zwanzig Kilometer weiter die Panne. Wir haben eine Stunde auf den Abschleppwagen gewartet, sind dann eine halbe Stunde zur Werkstatt gefahren, die Reparatur hat 45 Minuten gedauert und dann haben wir noch eine halbe Stunde gebraucht, um wieder hierher zu kommen. Und jetzt stehen wir seit einer Stunde im nächsten Stau.“

Der Professor nickte.

„Es ist in der Tat ärgerlich“, sagte er. „Ich hatte gehofft, wir würden unser Ziel gegen sechs Uhr erreichen. Jetzt ist es fünf Uhr und wir haben noch nicht einmal ein Viertel der Strecke geschafft.“

„Wie wär’s“, schlug Emmy vor, „wenn wir die nächste Abfahrt nehmen und uns in irgendeiner Stadt eine Unterkunft für die Nacht suchen würden?“

„Eine hervorragende Idee, Emmy“, sagte der Professor. „Es wird vermutlich auch bald dunkel werden und ich würde ungerne die ganze Nacht hindurch fahren.“

Damit war es beschlossen.


Kapitel 1 Bearbeiten

Ich schaute gen Himmel. Ich hatte es gerade noch vor Sonnenuntergang geschafft. Ich klopfte an die Tür, laut und energisch.

„Oma“, rief ich, „ich bin’s, lass mich bitte rein!“

Ich hörte leise Schritte, dann ein Klirren. Oma hängte die Kette vor, um gefahrlos überprüfen zu können, ob ich es tatsächlich war. Sie öffnete die Tür einen Spalt breit.

„Samira“, sagte sie und schloss die Tür wieder, hakte dann die Kette aus, um mich hineinzulassen.

„Samira“, sagte sie noch einmal. „Da bist du ja endlich. Was machst du so spät noch draußen? Ich habe mir Sorgen gemacht.“

Ich nickte. „Ich wurde aufgehalten“, sagte ich, „mehrmals sogar. Im Moment sind so viele Touristen hier in der Stadt, ich wurde quasi jede Minute nach dem Weg nach hier, da oder dort gefragt oder nach dem besten Hotel oder danach, was man sich denn hier so ansehen sollte oder“

Oma legte einen Finger an die Lippen.

„Nicht so laut“, sagte sie. „Wir haben einen Gast. Er schläft schon und ich möchte nicht, dass er wieder aufwacht.“

„Einen Gast?“, fragte ich. „Wer denn?“

Oma schüttelte den Kopf. „Du kennst ihn wahrscheinlich nicht“, erwiderte sie. „Er ist nicht von hier. Ein Junge, zehn oder elf Jahre alt. Ich bin ihm heute Nachmittag begegnet. Er war alleine unterwegs und ein paar halbwüchsige Schattendrachen, die dreist genug waren, sich am Tag nach draußen zu wagen, haben ihn ziemlich bedrängt. Ich hab gesagt, ich ruf die Polizei, wenn sie ihn nicht in Ruhe lassen. Dann haben sie die Flucht ergriffen. Ich hab ihn mit rein genommen und ihn gefragt, was los ist und was er alleine hier macht. Er sagte, er heißt Luke Triton und dass er eigentlich mit erwachsenen Freunden unterwegs war, einem gewissen Professor Layton und einer Frau namens Emmy, aber dass er sie verloren hat.“

„So?“, fragte ich, „Er heißt also Luke und hat zwei erwachsene Freunde verloren?“

„Genau das habe ich gesagt“, sagte Oma. „Warum fragst du nach?“

„Mich hat vor zwanzig Minuten ein Mann angesprochen, der nach einem Jungen namens Luke suchte“, sagte ich.

Ich rief mir die Begegnung wieder in Erinnerung. Ich hatte ihn nicht kommen sehen und ihn auch nicht gehört, er hatte einfach plötzlich neben mir gestanden und gefragt: „Entschuldigung, junge Dame?“

Ich hatte ihn angesehen. Zuerst war mir der hohe Zylinder ins Auge gefallen. Das Gesicht unter der Krempe war das eines Mannes um die Dreißig gewesen, freundlich, aber auch ein wenig besorgt wirkend.

„Ja?“, hatte ich gefragt. „Kann ich ihnen irgendwie helfen?“

„Ich suche einen Jungen“, hatte der Mann gesagt. „Ich war mit ihm zusammen unterwegs, aber habe ihn aus den Augen verloren.“

Ich hatte ein wenig überlegt. Ich hatte einige Kinder auf den Straßen gesehen.

„Ein Junge“, hatte ich wiederholt. „Wie sieht er denn aus?“

„Er ist elf Jahre alt“, hatte der Mann gesagt, „er hat kurzes, mittelblondes Haar und eine blaue Mütze, außerdem eine blaue Jacke und eine knielange braune Hose. Er trägt auch eine kleine Umhängetasche aus Leder bei sich.“

Ich hatte noch einmal die Bilder der Kinder, die ich gesehen hatte, vor mein inneres Auge gerufen. Eine Mütze hatte keines von ihnen getragen, auch eine blaue Jacke erinnerte ich nicht. Die Hosen waren alle knöchellang gewesen, dem Wetter entsprechend. Ich hatte auch nicht ganz verstanden, warum jener Junge im Herbst mit einer kurzen Hose unterwegs war.

„Nein, tut mir Leid“, hatte ich gesagt. „Ich habe ihn nicht gesehen. Sie sollten sich mit der Suche beeilen. Es wird bald dunkel und dann sollte man hier besser nicht mehr draußen sein.“

Der Mann hatte das offenbar nicht verstanden. Er war Tourist gewesen, eindeutig.

„Warum das?“, hatte er gefragt.

„Das zu erklären“, hatte ich ihm erwidert, „würde jetzt zu lange dauern. Ich wäre selbst gerne zu Hause, bevor die Sonne untergeht. Aber wenn ich ihnen einen Rat geben dürfte, suchen sie sich ein Hotel, das sie noch rein lässt.“

„Das würde ich gerne“, hatte daraufhin der Mann geantwortet, „aber ich muss Luke finden.“

„Na, wenn sie meinen“, hatte ich gesagt. „Aber sagen sie später bitte nicht, dass niemand sie gewarnt hätte.“

Der Mann hatte genickt.

„Auch, wenn du ihn nicht gesehen hast“, hatte er gesagt, „trotzdem, Danke.“

Dann hatte er sich umgedreht und war davongegangen, und ich war weitergehastet, nur noch einen Gedanken im Kopf: Bloß schnell nach Hause, bevor es zu spät ist.

„Wenn es derselbe Luke ist“, riss Omas Stimme mich aus den Gedanken, „dann sucht der Mann immer noch. Das könnte gefährlich für ihn werden.“

Blitzschnell fasste ich einen Entschluss. Ich griff nach meinem Bogen, der neben der Tür hing, sowie dem Köcher.

„Ich gehe raus“, sagte ich. „Ich versuche, ihn zu finden, bevor ihm etwas passiert.“

Oma legte mir eine Hand auf den Arm. „Samira“, sagte sie.

„Oma, bitte!“, sagte ich. „Wenn ich ihn nicht suche, überlebt er die Nacht womöglich nicht!“

„Na gut“, sagte Oma. „Aber sei vorsichtig.“

Ich lächelte. „Mir passiert schon nichts“, sagte ich und klopfte mit der flachen Hand auf das Holz meines Bogens. „Du weißt, wie ich schieße.“

Oma nickte. „Aber manchmal kommen sie von hinten“, sagte sie.

„Ich bleibe auf den Dächern“, sagte ich.“Da gehen sie nicht rauf.“

„Ich möchte nur, dass du auf dich aufpasst“, sagte Oma. „Ich habe schon meine Tochter, meinen Schwiegersohn und meinen Enkel an sie verloren. Ich will nicht noch meine Enkelin verlieren.“

Ich umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Das wirst du nicht, Oma“, sagte ich, „das wirst du nicht.“

Dann ging ich an ihr vorbei und die schmale Treppe hinauf, die ins Obergeschoss und weiter aufs Dach führte.

Kapitel 2 Bearbeiten

Ich erwachte. Es war etwa sechs Uhr. Ich konnte nur wenige Minuten geschlafen haben. Was hatte mich wohl geweckt? Ich hörte Stimmen aus dem Flur, leise, aber klar verständlich. Die eine war die von Frau Markward, die andere gehörte einem Mädchen. Das war dann wohl die Enkelin, von der Frau Markward gesprochen hatte. Wie hieß sie noch, Samantha? Ach nein, Samira.

„Mich hat vor zwanzig Minuten ein Mann angesprochen, der nach einem Jungen namens Luke suchte“, sagte Samira gerade.

Das muss der Professor gewesen sein, dachte ich.

„Wenn es derselbe Luke war“, sagte Frau Markward, „dann sucht der Mann immer noch. Das könnte gefährlich für ihn werden.“

„Ich gehe raus“, hörte ich Samira nun sagen. „Ich versuche, ihn zu finden, bevor ihm etwas passiert.“

„Samira“, sagte Frau Markward. Sie schien ihre Enkelin von diesem Vorhaben abbringen zu wollen.

„Oma, bitte!“ Samiras Stimme klang energisch. „Wenn ich ihn nicht suche, überlebt er die Nacht womöglich nicht!“

„Na gut“, sagte Frau Markward. „Aber sei vorsichtig.“

„Mir passiert schon nichts“, erwiderte Samira. „Du weißt, wie ich schieße.“

Frau Markward klang nicht überzeugt, als sie erwiderte: „Aber manchmal kommen sie von hinten.“

„Ich bleibe auf den Dächern“, argumentierte nun Samira. „Da gehen sie nicht rauf.“

Frau Markward schien immer noch etwas besorgt.

„Ich möchte nur, dass du auf dich aufpasst“, sagte sie. „Ich habe schon meine Tochter, meinen Schwiegersohn und meinen Enkel an sie verloren. Ich will nicht noch meine Enkelin verlieren.“

„Das wirst du nicht, Oma“, sagte Samira, „das wirst du nicht.“

Damit endete das Gespräch und Schritte entfernten sich nach oben.

In meinem Kopf hörte ich auf einmal wieder Samiras Worte: Wenn ich ihn nicht suche, überlebt er die Nacht womöglich nicht!

Was hatte sie damit gemeint? Was war da draußen, das so gefährlich war? Hatte es etwas mit den Jugendlichen zu tun, die mich heute angegriffen hatten? Schattendrachen, so hatte Frau Markward sie genannt. Ziemlich jung seien sie gewesen, hatte sie weiterhin gesagt, und daher verhältnismäßig harmlos, aber sicher gab es in dieser Gruppe auch ältere und gefährlichere Mitglieder. Ich stand auf. Ich musste mehr darüber wissen. Schlafen würde ich in dieser Nacht ohnehin nicht mehr.


Kapitel 3 Bearbeiten

Ich machte noch einen kurzen Abstecher in mein Zimmer, um meinen Rock gegen eine Sporthose zu tauschen und meine Verbandstasche zu holen, dann ging ich weiter nach oben und stieg aufs Dach hinaus.

Die Sonne war jetzt fast untergegangen. Es ging so schnell mittlerweile, man merkte, dass es Winter wurde. In wenigen Minuten würde es bis auf das Mondlicht stockfinster sein. Ich hielt den Bogen griffbereit. Ich hoffte nur, dass ich ihn nicht würde verwenden müssen, um wirklich jemanden zu verletzen.

Ich lief los, möglichst schnell, um den Sprung zum nächsten Haus zu schaffen. Ich stieß mich ab und flog durch die Luft. Als ich gelandet war, sah ich die Umrisse eines Menschen, kaum zu erkennen, in der Dunkelheit geradezu verschmolzen mit dem Schatten eines Schornsteines.

Ich pfiff leise, um die Aufmerksamkeit des Schemens zu erregen. Er hob den Kopf und eilte dann zu mir.

„Samira“, sagte er, „was machst du hier draußen? Du bist doch erst morgen wieder an der Reihe.“

„Ich muss jemanden suchen“, sagte ich. „Es wäre gut, wenn du mir dabei helfen könntest, Jaques.“

Jaques nickte. „In Ordnung“, sagte er. „Erklär mir nur kurz die Sache.“

Ich erzählte ihm die Geschichte von dem Jungen, der bei uns untergekommen war und von dem Professor, den dieser suchte.

„Schattendrachen, die nicht die Sonne scheuen“, sagte Jaques, als ich geendet hatte. „Es wird wirklich immer schlimmer mit ihnen.“

„Vielleicht war es einfach jugendlicher Übermut“, sagte ich. „Oma hat von halbwüchsigen Schattendrachen gesprochen. Halbwüchsig bedeutet bei ihr normalerweise etwa zwölf bis fünfzehn Jahre.“

Jaques wirkte nicht überzeugt.

„Vielleicht war es jugendlicher Übermut“, sagte er. „Vielleicht aber auch nicht. Wir sollten uns besser nicht allzu große Hoffnungen machen, dass es ein Einzelfall bleibt. Aber jetzt lass uns diesen Professor finden, bevor morgen die Polizei nur noch seine Überreste findet.“

„Du gehst immer gleich vom Schlimmsten aus, was?“, fragte ich.

„In dieser Stadt kann es einem das Leben retten, Pessimist zu sein“, erwiderte Jaques.

Dann liefen wir los, Seite an Seite. Wir waren etwa fünf Minuten unterwegs, als wir auf Owen und Leila stießen, die uns nach kurzer Erklärung bereitwillig begleiteten. Nach weiteren zehn Minuten hörte ich plötzlich ein Heulen.

„Eiswölfe“, wisperte Jaques neben mir.

„Sie sind sehr nahe“, flüsterte Leila.

„Und sie haben ein Opfer gefunden“, fügte ich hinzu.

Fast synchron zogen wir alle je einen Pfeil aus unseren Köchern und liefen schnell weiter, in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, die Bögen schussbereit.

In einer schmalen Sackgasse, die seitlich von der Straße abging, sahen wir sie schließlich. Während Leila und Owen stehen blieben, liefen Jaques und ich auf die andere Seite, doch wir trafen auf Johann und Kate, die bereits mit gespannten Bögen dort standen und uns wortlos zunickten.

Rasch liefen wir zurück, um Owen und Leila über die weitere Verstärkung in Kenntnis zu setzen und uns dann auf dem die Gasse abschließenden Gebäude zu positionieren.

Ich blickte nach unten. Zum Glück reichte das Mondlicht mir völlig aus, um alles zu erkennen. Die Eiswölfe waren zu fünft, was eigentlich ungewöhnlich für sie war, und ungewöhnlich war auch ihre Methode, denn sie hatten ihr Opfer offensichtlich angegriffen. Der Mann lag reglos am Boden, er schien ohne Bewusstsein, möglicherweise verletzt.

Wir spannten alle, zielten, dann sausten die Pfeile durch die Luft und bohrten sich in die Erde zwischen den Steinen des Kopfsteinpflasters, jeder nur Millimeter von einem der Eiswölfe entfernt. Erschrocken starrten die Männer nach oben.

„Das war die erste Verwarnung!“, rief ich ihnen zu. „Die nächsten Pfeile treffen! Und zwar jeden von euch, der jetzt nicht sofort seine Beute fallen lässt und die Beine in die Hand nimmt!“

„Scheiße!“, hörte ich einen der Eiswölfe sagen. „Mondschwärmer! Ausgerechnet jetzt!“

Dann flohen sie. Ich hängte mir den Bogen über die Schulter und begann mit dem Abstieg.


Kapitel 4 Bearbeiten

Helen Markward saß in dem großen Sessel vor dem Kamin. Sie hatte schon seit Monaten Probleme mit dem Schlafen und alles tat ihr weh.

Ich bin eben eine alte Schachtel, dachte sie und musste grinsen.

Auf einmal hörte sie leise Schritte im Flur. Ich bin eine alte Schachtel, dachte sie erneut, aber meine Ohren sind so gut wie eh und je.

Die Schritte stoppten vor der Tür, offenbar zögernd.

„Komm rein, Junge“, sagte Helen. „Schleich nicht herum wie ein Gespenst.“

Die Tür öffnete sich mit kaum hörbarem Knarren, dann trat der Junge in den Raum.

„Ich dachte, du schläfst“, sagte Helen.

„Ich hatte eigentlich auch schon geschlafen“, erwiderte der Junge, „aber nicht lange. Ich bin aufgewacht, als Samira gekommen ist.“

Helen wusste, worauf er hinaus wollte.

„Du hast uns also sprechen gehört“, sagte sie. „Du machst dir Sorgen, nicht wahr?“

Der Junge, der nun neben ihr stand, nickte wortlos. Helen legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Samira findet deine Freunde“, sagte sie, sehr darauf bedacht, ihre eigene Besorgnis aus ihrer Stimme fernzuhalten.

„Wer sind die Schattendrachen?“, fragte der Junge auf einmal.

„Beschäftigen sie dich immer noch?“, fragte Helen zurück.

„Ich möchte einfach nur mehr über sie wissen“, sagte der Junge. „Wer sie sind, was sie machen, was sie wollen, wie viele es gibt.“

Helen lachte leise.

„Fragen über Fragen“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu dem Jungen. „Aber ein Kind ohne Neugierde wäre eben wie ein See ohne Wasser.“

Einige Zeit schwieg sie, dann sagte sie: „Du wirst nicht mehr schlafen können, wenn ich es dir erzähle.“

Es schien den Jungen nicht zu kümmern.

„Ich werde so oder so nicht mehr schlafen können“, sagte er.

Helen nickte. Sie wusste, er würde keine Ruhe geben, bis sie ihm Auskunft gab.

„Die Schattendrachen sind eine von drei Verbrecherbanden in dieser Stadt“, begann sie. „Jede von ihnen hat zwischen 200 und 500 Mitgliedern. Außer den Schattendrachen gibt es noch die Eiswölfe  und die Teufelskatzen. Die Eiswölfe sind Taschendiebe, die Schattendrachen begehen bewaffnete Überfälle und die Teufelskatzen… na ja, sagen wir mal, wer von Schattendrachen ausgeraubt wurde, kann eigentlich fast von Glück reden, wenn man bedenkt, dass er auch den Teufelskatzen hätte begegnen können. Denn in dem Fall hätte er viel mehr verloren als nur sein Geld.“

„Mörder also“, sagte der Junge mit tonloser Stimme. „200 bis 500 Mörder.“

Helen ging nicht darauf ein.

„Du solltest wieder ins Bett gehen“, sagte sie.

Der Junge ging davon, zurück in das Gästezimmer, das sie für ihn hergerichtet hatte. Wahrscheinlich würde er wachliegen, bis Samira zurückkehrte.


Kapitel 5 Bearbeiten

Ich sprang von dem Gebäude auf die Überdachung eines Balkons, von dort auf einen großen Müllcontainer, dann auf den Boden. Ich trat zu dem bewusstlosen Mann und ging neben ihm in die Hocke.

„Ist er der, den wir suchen?“, rief Jaques von oben herunter.

„Ich vermute es!“, rief ich zurück. „Er ist auf jeden Fall der, der mich vorhin angesprochen hat!“

Ich schaute den Mann etwas genauer an. Er blutete an der linken Schläfe.

Auf einmal spürte ich die Anwesenheit einer fremden Person. Dann geschah alles mehr oder weniger gleichzeitig.

Ich bemerkte eine Bewegung hinter mir. Ich hörte Owen „Pass auf!“ rufen. Und meine Hand schnellte fast wie von selbst in die Höhe und umklammerte das Fußgelenk des Angreifers.

Der Tritt hätte mich an der Schulter treffen und zu Boden stoßen sollen, was mich angreifbar gemacht hätte. Nun allerdings drehte ich den Spieß um.

Mit einer ruckartigen Bewegung brachte ich den Angreifer aus dem Gleichgewicht, sodass er rücklings zu Boden stürzte.

Doch kaum hatte ich mich umgedreht und ganz aufgerichtet, war auch er schon wieder auf den Beinen, oder besser gesagt sie, denn es war eine Frau, vielleicht Mitte zwanzig.

Sie schlug nach mir. Ich blockte ihre Faust ab und wich einem Schlag ihrer anderen Hand aus. Als sie erneut nach mir zu treten versuchte, trat ich im selben Moment nach ihr, sodass sie zum zweiten Mal das Gleichgewicht verlor.

„Was soll das?“, fragte ich, während sie wieder aufsprang.

Erneut versuchte sie einen Treffer zu landen. Ich duckte mich zur Seite weg und der Schlag ging ins Leere.

„Ich habe ihnen eine Frage gestellt!“, sagte ich, während ich einen weiteren Schlag abfing.

Statt mir zu antworten, versuchte die Frau zum dritten Mal, mich zu treten und zum dritten Mal brachte ich sie zu Boden.

„Würden sie jetzt bitte meine Frage beantworten?“, schrie ich sie geradezu an. „Was soll das? Ich habe wirklich keine Zeit für so einen Unsinn! Ich habe hier einen Verletzten zu versorgen!“

Normalerweise wäre ich nie so ausgerastet, aber diesmal war ich mit meiner Geduld wirklich völlig am Ende. Ich wusste nicht, wie schwer der Mann verletzt war, möglicherweise ging es um Leben und Tod. Und die Frau hielt mich unnötig auf.

Erneut kam sie auf die Füße, langsamer diesmal und offensichtlich ohne die Absicht, mich noch einmal anzugreifen.

„Tut mir Leid“, sagte sie. „Es war ein Missverständnis, fürchte ich. Ich dachte, du wolltest ihm etwas Böses.“

Ich starrte sie finster an.

„Das nächste Mal sollten sie sich besser etwas Zeit nehmen, um die Lage zu erfassen, bevor sie eingreifen“, sagte ich. „Es hätte ihn das Leben kosten können!“

„Tut mir Leid“, sagte die Frau erneut. „Mein Temperament geht manchmal mit mir durch.“

„Tut mir Leid, tut mir Leid, tut mir Leid“, sagte ich. „Wenn er jetzt tot wäre, würde ihm das auch nicht mehr helfen!“

Ich wandte mich wieder dem Mann zu. Außer der Platzwunde am Kopf hatte er einige Stichwunden an der Brust und  der rechte Arm schien gebrochen zu sein.

„Oh, Scheiße“, murmelte ich. „Die waren nicht zimperlich, das steht fest. Aber Eiswölfe? So etwas würde man von Teufelskatzen erwarten, vielleicht auch noch von Schattendrachen, aber doch nicht von Eiswölfen. Das sind Taschendiebe, keine Räuber.“

Ich zog ihm vorsichtig die Jacke aus, dann öffnete ich meine Verbandstasche.

„Was murmelst du da?“, fragte die Frau.

„Die Männer, die ihn angegriffen haben, waren Mitglieder einer Gruppe oder eher Bande, die sich „Eiswölfe“ nennt“, sagte ich, während ich mit der Verbandsschere den blutdurchtränkten Pullover des Mannes aufschnitt. „Allerdings sieht es ihnen eigentlich überhaupt nicht ähnlich, jemanden so zuzurichten. Sie haben sich auf Taschendiebstahl spezialisiert, nicht auf Überfälle. Und Raubmord ist schon gar nicht ihr Ding.“

Ich nahm Verbandsmull und Kompressen aus der Tasche sowie eine Flasche Desinfektionsalkohol. Sorgfältig säuberte ich die Wunden und verband sie mit routinierten Handgriffen. Dann legte ich an dem gebrochenen Arm mithilfe eines meiner Pfeile eine behelfsmäßige Schiene an. Ich wickelte den Mann in die Rettungsdecke, um ihn warm zu halten.

Mittlerweile waren auch die anderen vom Dach heruntergekommen.

„Wir werden eine Trage brauchen“, bemerkte Kate.

„Eine Leiter wird es doch wohl auch tun, oder?“, fragte Jaques. „Dort an der Wand steht eine.“

„Ich denke, sie wird reichen“, sagte Leila. „Aber wir müssen vorsichtig sein.“

Johann holte die Leiter und gemeinsam legten er und Owen den Mann darauf.

„Wo bringt ihr ihn hin?“, wollte die Frau wissen.

„Zu mir nach Hause, würde ich mal sagen“, sagte ich. „Ein Freund von ihm ist dort.“

Dann kam mir eine Frage in den Sinn, an die ich zuvor gar nicht gedacht hatte.

„Kennen sie ihn?“

Die Frau nickte.

„Ich bin seine Assistentin“, sagte sie. „Emmy Altava.“

Stimmt, dachte ich, Oma hat eine Emmy erwähnt.

„Aha“, sagte ich. „Wer trägt ihn?“, fragte ich dann in die Runde. „Wir müssen auch seine Sachen mitnehmen.“

„Hier müsste irgendwo ein Koffer sein“, sagte Frau Altava und blickte sich suchend um. „Ein brauner Handkoffer aus Leder.“

Ich schaute mich ebenfalls um und entdeckte das gesuchte Gepäckstück schließlich ganz hinten in der Ecke zwischen den Hauswänden. Ich ging hin, um es zu holen. Jaques und Johann hatten die Leiter genommen, die anderen hatten die restlichen Sachen des Mannes zusammengesammelt. Wir gingen los.


Kapitel 6 Bearbeiten

In meinem Kopf ging alles drunter und drüber und ich machte mir furchtbare Vorwürfe.

Ich hätte ihn nicht alleine lassen dürfen, dachte ich, dann wäre das nie passiert. Dann hätte ich diese Eiswölfe schon davon abgehalten, ihm irgendetwas zu tun.

Ich schaute den Professor an, wie er da auf der improvisierten Trage lag, die Augen geschlossen, der Verband um seinen Kopf bereits blutdurchtränkt. Er wirkte sehr blass, doch das konnte auch am Mondlicht liegen.

Halten sie durch, dachte ich. Bitte sterben sie nicht.

Ich erinnerte mich an die sehr gekonnt und geschickt wirkende Art des Mädchens, die Verbände anzulegen. Sie musste es schon oft gemacht haben. Ob sie beim Rettungsdienst arbeitete?

Auch ihre Kampftechnik war wirklich nicht von schlechten Eltern. Sie war unglaublich schnell gewesen, hatte mich tatsächlich dreimal zu Boden gebracht.

Und es war sehr deutlich geworden, dass sie, wie auch immer das möglich war, in der Nacht so gut sah wie am Tag.

Mit schnellen, entschlossenen Schritten führte sie uns nun durch die Straßen, bis sie an einem der Reihenhäuser hielt und energisch an die Tür klopfte.

Eine alte Frau öffnete die Tür einen Spalt breit, schloss sie dann wieder und öffnete sie erneut, was mich zunächst ein wenig irritierte, bis ich begriff, dass sie offenbar die Tür wieder hatte schließen müssen, um eine Sperrkette auszuhaken.

„Hast du ihn gefunden?“, fragte sie.

Das Mädchen nickte. Hinter der Frau schaute plötzlich ein Junge hervor. Ich erkannte ihn sofort.

„Emmy!“, rief Luke, als er mich sah.

„Hey, Luke“, sagte ich. „Wo hast du denn gesteckt? Wir haben dich gesucht. Wir haben uns Sorgen gemacht.“

Die alte Frau blickte Luke an.

„Siehst du“, sagte sie. „Ich habe dir doch gesagt, Samira findet deine Freunde.“

„Lasst uns bitte durch“, sagte einer der beiden Jungen, die den Professor trugen. „Er ist verletzt, wir müssen ihn schnell hinein bringen.“

„Verletzt?“ fragte Luke, während er und die alte Frau beiseitetraten. „Wie schlimm?“

Es war deutlich, dass er sich mindestens genauso große Sorgen machte wie ich.

„Er wird sich erholen“, sagte das Mädchen, das, wie ich jetzt wusste, Samira hieß. „Mach dir keine Sorgen.“

Dann folgte sie rasch den beiden Jungen, die bereits durch die Tür getreten waren.

„Was ist mit ihnen, Emmy?“, wollte Luke wissen. „Sind sie in Ordnung?“

„Kein Kratzer“, sagte ich und verschwieg, dass mir der Rücken etwas schmerzte. Ich war während des Kampfes mit Samira einmal recht unglücklich aufgekommen.

Die alte Frau kam nun auf mich zu.

„Ich bin Helen Markward“, stellte sie sich vor.

„Emmy Altava“, erwiderte ich.

„Möchten sie etwas essen oder trinken?“, fragte mich Frau Markward.

Ich schüttelte zunächst den Kopf, überlegte es mir dann aber anders.

„Obwohl, ein Glas Wasser wäre nett.“

Frau Markward nickte und bedeutete mir, ihr zu folgen, während sie ins Innere des Hauses ging. Sie führte mich in eine große Küche, wo sie ein Glas unter dem Wasserhahn füllte und mir reichte.

Ich nahm es entgegen und setzte mich auf einen der Stühle am Tisch, Luke, der uns ebenfalls gefolgt war, hockte sich mir gegenüber.

„Was ist passiert?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht“, sagte ich, „nicht so genau jedenfalls. Ich war nicht dabei. Er ist wohl angegriffen worden, wahrscheinlich ein Raubüberfall.“

„Dann waren es also diese Schattendrachen“, sagte Luke. „Die habe ich vorhin auch schon kennengelernt.“

„Schattendrachen?“, fragte ich. „Samira hat etwas von Eiswölfen gesagt.“ Das schien Frau Markward etwas zu verwundern.

„Seit wann begehen Eiswölfe denn Überfälle?“, fragte sie leise.

„Vermutlich, seit Schattendrachen sich tagsüber auf die Straßen wagen“, sagte ein Junge, der unbemerkt von uns allen den Raum betreten hatte. „Und die Teufelskatzen werden auch immer brutaler. Selbst mit Verbrechern kann es noch weiter bergab gehen. Es ist wirklich schlimm.“


Kapitel 7 Bearbeiten

Ich folgte Jaques und Johann ins Haus und führte sie in ein Schlafzimmer im Obergeschoss. Dort legten die beiden vorsichtig den Mann auf das Bett und gingen wieder aus dem Raum.

Ich schlug die Rettungsdecke auseinander. Rote Flecken hatten sich auf dem Verbandsstoff ausgebreitet. Vorsichtig löste ich die Verbände, dann griff ich zu Nadel und Faden.

Ich nähte die Wunden, wischte das Blut weg und legte dann neue Verbände an. Aus der kleinen Abstellkammer, in der ich alles Mögliche an Zeug und Kram aufbewahrte, holte ich einen Infusionsbeutel mit Kochsalzlösung, den Ständer und eine vernünftige Schiene.

Ich tauschte den Pfeil, mit dem ich den Arm des Mannes geschient hatte, gegen die richtige Schiene aus, baute dann den Infusionsständer neben dem Bett auf und griff nach dem linken Arm des Mannes, um den Zugang zu legen. Schließlich breitete ich die Bettdecke über ihn.

„Schlafen sie gut, Professor“, sagte ich leise, obwohl ich wusste, dass er mich nicht hörte. „Und werden sie bald wieder gesund.“

Dann ging ich aus dem Raum und die Treppe hinunter. Oma, Luke und Frau Altava saßen in der Küche. Sowohl Frau Altava als auch Luke wirkten, als könnten sie jeden Moment vom Stuhl kippen und auf dem Fußboden einschlafen.

„Wenn sie möchten, würde ich ihnen zeigen, wo sie schlafen können“, sagte ich zu Frau Altava.

Sie nickte und stand auf.

„Du solltest auch ins Bett gehen, Luke“, sagte sie.

Dann folgte sie mir den Flur entlang zu einem der Gästezimmer. Ich zog die Abdeckung, die das Bett vor Staub geschützt hatte, herunter und schüttelte Kissen und Decke auf.

„Schlafen sie gut“, sagte ich, bevor ich das Zimmer wieder verließ.


Kapitel 8 Bearbeiten

Ich erwachte, in einem Bett, das mit Sicherheit nicht mein eigenes war, und fühlte mich schrecklich.In meinem Kopf pochte es unaufhörlich, besonders an der linken Schläfe, und das Atmen schmerzte furchtbar. Mein rechter Arm war seltsam steif. Ich konnte ihn nicht bewegen und es zu versuchen war fast so schmerzhaft wie das Atmen.

Was war passiert? Ich versuchte mich zu erinnern. Einzelne Worte, Bilder und Geräusche schwirrten in meinem Gehirn herum, wirre Fetzen von Gedanken und Erinnerungen, vielleicht auch Träumen. Ich versuchte sie zu sortieren. Das Blitzen von Stahl. Ein Messer vielleicht? Schwarze Haare mit einzelnen, bläulich-weißen Strähnen darin. Ein Heulen, wie von einem Wolf. Die Fetzen entzogen sich mir, wenn ich nach ihnen zu greifen versuchte. Ich brachte keinen Sinn hinein und das Hämmern in meinem Kopf wurde langsam unerträglich.

Reiß dich zusammen, Hershel, sagte ich in Gedanken zu mir selbst. Du hast schon Schlimmeres durchgestanden.

Ich atmete tief ein und wieder aus, obwohl es wehtat. So. Die erste Frage, die es zu beantworten galt: Wo war ich?

Ich öffnete die Augen und schaute mich um. Das Bett, in dem ich lag, war sehr groß, eher für zwei Personen gedacht als für eine. Die Zimmerdecke bestand aus hellem Holz, das Licht, das durch geschlossene Vorhänge fiel, verlieh dem ganzen Raum einen leicht grünlichen Schimmer, was es schwierig machte, die Farbe sowohl der Wände als auch des Teppichbodens zu bestimmen.

Teppichboden, dachte ich.

Also war ich schon mal nicht im Krankenhaus. Trotzdem steckte, wie ich erst jetzt bemerkte, in meinem linken Unterarm eine Infusionsnadel. Ich schaute zu dem Beutel hinauf, der an einem Metallständer hing, und fragte mich, was wohl darin sein mochte, das nun durch den Schlauch in meine Adern floss.

Jetzt, da ich wieder klar denken konnte, ging mir auch auf, warum ich den rechten Arm nicht bewegen konnte. Er war mit einer Schiene fixiert. Ich musste ihn mir wohl gebrochen haben.

Ich fragte mich, was ich tun sollte. Aufstehen ging ja wohl schlecht. Also einfach weiterschlafen? Allerdings schien es bereits Morgen zu sein.

Während ich so dalag, möglichst ohne mich zu bewegen, an die Decke starrte und meinen Gedanken freien Lauf ließ, hörte ich, wie die Tür geöffnet wurde. Ich blickte nach rechts.

Ein Mädchen war in den Raum getreten, achtzehn oder neunzehn Jahre alt. Sie kam mir bekannt vor, doch ich konnte sie nicht so wirklich einordnen.

„Ah, sie sind wach“, sagte das Mädchen. „Das ist gut. Wie geht es ihnen?“

Ich lachte gequält.

„Wie sollte es mir schon gehen?“, fragte ich zurück. „Mein Arm ist gebrochen, mein Kopf fühlt sich an, als würde jemand mit einem Hammer darauf schlagen. Ich kann nicht atmen, ohne dabei jedes Mal zu denken, meine Lungen müssten explodieren. Ich war Gott weiß wie lange bewusstlos und kann mich an nichts erinnern, was gestern passiert ist.“

Das Mädchen lachte nun auch, doch klang sie ebenso wenig amüsiert wie ich.

„Genau genommen müsste man sagen vorgestern“, sagte sie. „Gestern haben sie den ganzen Tag nur geschlafen. Luke hat sich schon Sorgen gemacht, sie würden überhaupt nicht mehr wieder aufwachen.“

Mein Herz begann, schneller zu schlagen.

„Luke?“, fragte ich. „Er ist hier?“

„Ja“, sagte das Mädchen, „er ist hier. Und Emmy auch.“

Ich seufzte.

„Ein Glück“, murmelte ich. „Geht es ihnen gut?“

„Wie man’s nimmt“, sagte das Mädchen. „Sie sind nicht verletzt, aber machen sich beide ziemliche Sorgen und haben die letzten beiden Nächte wahrscheinlich noch weniger geschlafen als ich. Aber eigentlich kann man sagen, ja, es geht ihnen gut.“

Erneut seufzte ich.

„Ich bin erleichtert, das zu hören“, sagte ich.

Dann stellte ich die Frage, die ich zunächst nur mir selbst gestellt hatte: „Kann es sein, dass wir uns schon einmal begegnet sind?“

Das Mädchen nickte.

„Sie haben mich vorgestern auf der Straße angesprochen, ob ich Luke gesehen hätte“, sagte sie. „Dass er bei uns untergekommen war, habe ich dann etwa zwanzig Minuten später von meiner Großmutter erfahren. Daraufhin habe ich beschlossen, nach ihnen zu suchen. Nach Sonnenuntergang auf der Straße zu sein ist in dieser Stadt eine ziemlich sichere Selbstmordmethode. Ich wollte sie finden, bevor etwas passiert. Leider war ich ein bisschen zu spät.“

„Ich weiß nicht, ob man das wirklich sagen kann“, erwiderte ich. „Ich meine, immerhin lebe ich noch.“

Sie lachte leise.

„Das stimmt“, sagte sie.

Ich blickte zu dem Infusionsbeutel hinauf.

„Was ist da drin?“, fragte ich.

„Oh“, sagte das Mädchen, „das ist nur Kochsalzlösung. Gegen Flüssigkeitsmangel. Aber ich glaube, das ist nicht mehr so dringend nötig.“

Sie griff nach dem Beutel, dann zog sie mit einer schnellen, geschickten Bewegung die Nadel aus meinem Arm. Ich spürte es kaum.

„Soll ich ihnen etwas vom Frühstück nach oben bringen?“, fragte sie. „Sie sind sicher hungrig.“

„Das wäre nett“, sagte ich, „Danke.“

Das Mädchen verließ den Raum.


Kapitel 9 Bearbeiten

Ich saß mit Emmy und Frau Markward beim Frühstück, als Samira in die Küche kam. Sie war gerade oben gewesen, um nach dem Professor zu sehen.

Jetzt nahm sie eine Schale aus dem Schrank und füllte sie mit Suppe. Sie schien uns gar nicht zu beachten. Ich hielt es nicht mehr aus, ich musste einfach fragen, obwohl ich keine andere Antwort erwartete als sonst.

„Wie geht es ihm?“, fragte ich. „Ist er wach?“

Samira drehte sich zu mir um. Sie lächelte.

„Ja“, sagte sie. „Er ist wach. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm etwas zu Essen hole.“

Sie füllte ein Glas mit Wasser und stellte es neben die Schale auf ein Tablett. Ich stand auf.

„Ich komme mit nach oben“, sagte ich.

Auch Emmy erhob sich.

„Ich auch“, sagte sie.

Samira nickte und führte uns die Treppe hinauf.

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